Konzept

Im Sprachbaukasten der Psychoanalyse heißen sie „Übergangsobjekte“ – Dinge, denen Kinder ihre sozialen Erwartungen zuschreiben und mit denen sie sich von der Mutter emanzipieren. Tatsächlich aber sind sie unsere ersten Freunde fürs Leben: Kuscheltiere. Wie verblüffend menschlich die Stoffkreaturen sein können, was sie über sich und ihre oft längst erwachsenen Besitzer verraten und welche Assoziationen sie in uns auslösen, zeigt meine Fotoserie „Möppi Baumann und seine Freunde“

Wie alles begann

Vor ungefähr 10 Jahren als ich für ein Foto-Projekt Spielsachen suchte, fand ich in der Spielzeugkiste meines Sohnes ein Schaf, das er zu seiner Geburt und meinen Teddy, den ich zu meiner Geburt geschenkt bekommen hatte. Da ich dieses Schaf im Ausdruck schon immer besonders frech und keck empfunden hatte, kam mir die Idee es doch einmal zu fotografierte bzw. zu portraitieren. Begeistert von dem Ergebnis suchte ich nach weiteren ’Objekten’ mit einer menschlichen Mimik für eine Serie mit ausdrucksstarken Stofftieren. In Gesprächen mit Freunden etc. stellte sich dann heraus, dass fast alle, und das nach über 4o Jahren, noch ihr altes Stofftier zuhause hatten, was mich nicht überraschte, ich hatte meins ja auch noch und natürlich auch freute, da ich ja nun weitere Objekte für meine Portraitserie hatte. Eines Tages fiel mir auch ein lustiger Terrier mit seinem pfiffigen Plüschgesicht in die Hände und ich wusste: So hat er ausgesehen: Möppi Baumann

Möppi war eigentlich der freche Terrier der Familie Baumann, die neben meinen Großeltern in Norddeutschland wohnte. In unserer Familie wurden  immer nette Geschichten und Anekdoten über diesen Terrier erzählt und so war sein Name in unserer Familie: Möppi Baumann.

Mehr als nur witzig

Dass die sprechenden Namen seiner rund 50 Kumpels – teilweise inspiriert durch das Zuchtbuch eines Teckelclubs – klingen wie aus einem Roman von Erich Kästner oder einem Sketch von Loriot, ist kein Zufall. Viele Objekte sind mehr als 30 Jahre alt, sie stammen aus einer Zeit, als die Erziehung ernster war, moralgetränkter, auch fragwürdiger. Und das spiegelt sich in der Mimik der Plüschtiere wider, die darum im doppelten Sinn komisch sind – also nicht nur oberflächlich witzig, sondern auch grotesk, abgründig, manchmal sogar ein bisschen böse.

In Möppis Clique schwingt etwas Knorriges, Nostalgisches, genuin Deutsches, schließlich wurden viele von ihnen vor der Globalisierung geboren. Noch mehr zählt allerdings, dass die Kuscheltiere als wichtige Ansprechpartner in alle Höhen und Tiefen des wirklichen Lebens eingebunden waren. Anscheinend schlägt sich das in einem unverwechselbaren Gesichtsausdruck nieder. Ich bin immer wieder verblüfft, wie sehr sich die Besitzer und ihre Lieblinge ähneln. Es ist, als vollzöge sich da eine Symbiose wie bei alten Ehepaaren, wo der eine auf den anderen über viele Jahre auf mysteriöse Weise wirkt.

Geheimnisse mit Plüschohren

So ist es besonders die zu Spekulationen anregende Aura der Objekte, die mich an diesem Projekt fasziniert. Jedes Tier hat sein eigenes Geheimnis, stellt andere Fragen:

Warum gucken manche dieser plüschigen Wesen so skeptisch, missmutig oder oft auch autoritär aus den treuen Knopfaugen? Andere fungierten scheinbar wiederum als fröhlich pragmatische Ratgeber und das Wissen um diese charakterliche Qualität spiegelt sich in ihrem Gesichtsausdruck wider. Was hatte man ihnen zu nächtlicher Stunde in die Löffel geflüstert? Welche glücklichen Momente wollte man mit ihm teilen? Welche Art von Geheimnisträger waren diese Wesen?
Konnte es wirklich sein, dass sich ihr ’Leben’ in ihrem Gesichtausdruck widerfand und im Laufe der Jahre, je nach Lebensumstand, dann auch noch veränderte? Woher stammten die Blessuren in Form von abgewetztem Fell an Stirn und Rücken oder wie kam es zu abgebissene Nasen und Ohren und durchgelaufenen Pfotensohlen?
Manches dieser Geheimnisse lüftete sich, wenn der Stofftier-Besitzer aus dem Freundeskreis kam oder, was auch häufig vorkommt, daß Kunden um ein Portrait ihres Weggefährten aus Kindertagen bitten. Oft stellt sich dann im Gespräch heraus, dass der Vertraute der Kindheit bis heute eine wichtige Funktion im Leben hat und noch immer einen festen Platz in Wohn- und Lebensraum hat.

Wer die Bildergalerie betrachtet, wähnt sich in einem soziologischen Fotoroman: Da ist der Dackel Kurt Stöberstolz, der liebenswerte Loser, der immer auf die Schnauze bekommt und sich dennoch wacker durchs Leben kämpft – seine Streunerehre scheint ihm gar keine andere Wahl zu lassen. Da ist der von Vorsicht und Argwohn ganz durchwirkte Ronni Zweifel mit seinem bangen Schafsblick, dem die Welt ein fest verschnürtes Rätsel ist. Da ist das zerzauste Hasenseelchen Hilde Hoppe, das man gleich in den Arm nehmen und vor aller Unbill schützen möchte, so neurotisch-verschüchtert schaut es den Betrachter an. Da ist der geschniegelte Wellensittich Willy Pieper, die reservierte Hundedame Zilla Heppenkamp, der altkluge Schimpanse Helmut Mucker. Und da ist der Anführer Möppi Baumann, ein aufgeweckter Terrier, der seine Bande mit fröhlichem Pragmatismus zusammenhält. Wer ihn sieht, spürt gleich: Einen wie Möppi hätte jeder gern zum Freund.

Elke Moorkamp